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Zusammenarbeit stärkt Länderbande

 Eine deutsch-isländische Zusammenarbeit hat es in den vergangenen Jahren in den verschiedensten Bereichen gegeben. Der deutsche Botschafter in Island, Thomas H. Meister, sieht vielfältige Möglichkeiten, diese zum Wohle beider Nationen auszubauen.

Die Natur, die rauhe Landschaft, die Weite und das unbebaute Land übten einen grossen Reiz  auf die deutschen Besucher aus. Das Land sei so ganz anders als Deutschland mit seinen vielen Grossstädten und Industriegebieten, sagt Thomas H. Meister.

 Island ist mehr als nur Mývatn

Doch auch der Erfolg isländischer Unternehmen und die Marketingarbeit für das Land hätten den Deutschen gezeigt, dass es hier weitaus mehr zu sehen gebe als den Golden Circle, das Hochland und den Mývatn, auf ganz anderen Sektoren als im Tourismus: “Eine meiner Aufgaben als Botschafter hier im Land ist es ja, die wirtschaftliche Zusammenarbeit der beiden Länder zu verbessern.” sagt Thomas Meister. Der studierte Ökonom ist seit 30 Jahren im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland tätig. Vor seinem Amtsantritt in Island im Jahr 2012 war er Botschafter in Neuseeland gewesen und ist auch in Afrika, Nord- und Südamerika und in Europa im Einsatz gewesen.

“Ich denke, die Bedingungen in Island sind insgesamt sehr gut. Die Inflationrate ist gering, auch die Arbeitslosigkeit liegt auf niedrigem Niveau, und das Wachstum gehört zum höchsten in ganz Europa. Nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2008 nahmen sich die Isländer ihrer ungelösten Probleme mit Bedacht und Verantwortungsbewusstsein an, ohne ihr Wirtschaftleben zweizuteilen. Trotz ungelöster Probleme ist klar zu erkennen, dass der Aufwärtstrend im Wirtschaftsleben dauerhaft und bemerkenswert verlaufen ist. Die drei Säulen der Wirtschaft – Fischerei und Fischverarbeitung, der Tourismus und die Aluminiumproduktion – stehen auf soliden Füssen, hinzu kommen die erfolgreichen Hightech-Unternehmen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung, Softwareentwicklung und Energiegewinnung.”

Meister bezeichnet es als einen richtigen Trend im isländischen Arbeits- und Wirtschaftssektor, nicht alle Eier in den gleichen Korb zu legen. Der Naturschutz sei wichtig, vor allem für die Tourismusbranche, doch müsse man sich auch danach orientieren, was die anderen Beschäftigungszweige benötigten. 

 Mehr bilaterale Zusammenarbeit

“Isländer und Deutsche sind in verschiedener Hinsicht ähnliche Völker. Die isländischen Behörden etwa arbeiten in konjunkturellen Angelegenheiten auf sehr ähnliche Weise wie die deutschen Behörden. In beiden Ländern möchte man ausländisches Kapital anlocken und legt Wert auf einen ausgeglichenen Staatshaushalt, damit Kinder und Enkelkinder keine angesammelten Schulden abzahlen müssen. Nur wenig Unterschied liegt in der Behandlung politischer Gegenwartsthemen, wie etwa in Bezug auf die Ukraine, den Mittleren Osten, den Nahen Osten oder die Entwicklungen in Südamerika.“

Meister sieht jedoch einen deutlichen Unterschied in der Einstellung der Isländer und der Deutschen im Allgemeinen. Die Isländer seien ein sehr höfliches Volk, während Deutsche weitaus direkter seien. Die Tatsache, dass Isländer Untersuchungen zufolge glücklicher seien und Deutsche eher zu Schwermut neigten, beruhe sicher zum Teil auch auf der Geschichte der beiden Völker.

 

 Vorbild für Bildung

Meister freut sich über das gestiegene Interesse der Isländer an Deutschland, allem voran für Berlin mit seinem grossen kulturellen Angebot, an dem isländische Künstler in immer grösserem Umfang aktiv Teil haben. Doch da gibt es noch mehr:

“Der isländische Handwerksverband sieht einen Bedarf, das Interesse der jungen Leute an beruflicher Ausbildung zu steigern, da die Zahl der Handwerker zurückgegangen ist. In Deutschland gibt es seit langen Zeiten Ausbildungen, die ein Vorbild für Island darstellen könnten. Wir nennen es “duale Berufsausbildung” und sie ist weltweit einzigartig. Die Schüler durchlaufen eine normale schulische Ausbildung und lernen gleichzeitig ein Handwerk ihrer Wahl. Sie absolvieren die theoretische Ausbildung und sind dann fertig ausgebildeter Elektriker, Schreiner oder welches Handwerk auch immer sie sich wünschen. Dieses System hat in Deutschland sehr gut funktioniert, denn es schenkt sowohl gute Bildung als auch berufliches Training.”

Meister spricht einen weiteren, weltweit wohl einzigartigen gesellschaftlichen Aspekt an, auf den die Deutschen stolz seien: “Der sogenannte “Mittelstand” ist nirgendwo auf der Welt so stark wie in Deutschland. Das sind die kleinen und mittelgrossen Unternehmen, die sich oft seit langer Zeit in Familienhand befinden und die von den Nachkommen der Gründer geleitet werden. Von diesen Unternehmen liest man nicht viel in der Presse, doch geniessen sie einen starken Stand im Wirtschaftsleben und tragen zur Vielseitigkeit auf dem Arbeitsmarkt bei.” Der Mittelstand sei möglicherweise eher die Folge eines starken Berufsbildungssystems als ein System selbst. Und sicher nicht zufällig seien die weltweit stärksten Unternehmen, die sogenannten “hidden champions” deutsche Mittelstandsunternehmen.

Der Botschafter sieht noch viele Möglichkeiten für erweiterte wirtschaftliche Beziehungen zwischen Isländern und Deutschen auf den verschiedensten Gebieten, sowohl im Beschäftigungssektor als auch im kulturellen und Ausbildungsbereich. “”Eine erweiterte Zusammenarbeit könnte auch entstehen, wenn mehr isländische Jugendliche Deutschkurse in den weiterführenden Schulen belegen und die Gelegenheit zu schulischer Ausbildung wahrnehmen. Das scheint insgesamt zurückgegangen zu sein, und das wäre doch ein feiner Anfang.”