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Eine Auswahl an Þorra-Speisen. Foto: Dagmar Trodler

Eine Auswahl an Þorra-Speisen. Foto: Dagmar Trodler

 

In alten Zeiten gab es in Island einen anderen Kalender, dessen Monate sich nach der Tageslänge bemassen. Es gab die Monate mit wenig Licht und die ohne Nacht.
Einer der Wintermonate hiess Þorri, der Monat des gefrorenen Schnees, und Þorri beginnt an diesem Wochenende.

Der Sage nach war Þorri ein früher norwegischer König, dem zu Mitwinter ein Opfer dargebracht wurde. Mit der romantisch-nationalistischen Bewegung des 19. Jh. erwachte diese Geschichte in Island zu neuem Leben, und ein erstes vergleichbares Fest wurde von isländischen Studenten im Jahr 1873 in Kopenhagen veranstaltet. In den 60ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erwachte Þorri zum zweiten Mal zum Leben, diesmal durch die Initiative eines Reykjavíker Restaurants. Im Naustið gab es eine Schlachtplatte mit Rezepturen aus den Zeiten, als man Fleisch noch sauer einlegte um es zu konservieren. Diesmal fasste die Idee Fuss, und heute ist Þorramatur (Þorri-Speisen) aus isländischen Supermärkten nicht mehr wegzudenken, obwohl die „Tradition“ keine 100 Jahre alt ist.

Die Fleischwaren werden gleich nach der Herbstschlachtung von den Herstellern in mýsa, einer sauren Molke, eingelegt und stehen in den Tagen um Weihnachten zum ersten Mal zum Verkauf. Viele Isländer lieben nämlich ihre Eimerchen „Súrmatur“ (saures Essen) als Kontrapunkt zur Feiertagsschlemmerei.

Um die erfundene Sitte des Þorrablót ranken sich wilde Geschichten von Saufereien und von den merkwürdigsten Gerichten. Es ist jedoch so, dass in Island heute einem aktuellen Bericht der Landwirtschaftszeitung Bændablaðið zufolge 90 bis 95 Prozent eines Schafes für den Lebensmittelverbrauch verarbeitet werden, wie das früher in Deutschland auch üblich war.
Das bedeutet, dass eben Hirn in Aspik, sowie gesäuerte und gekochte Hammelhoden (hrútspungur)  und neuerdings auch Lämmerpenisse (lambatittlingur) auf den Þorrablótbuffets angerichtet werden. Dazu werden sauer eingelegtes Walfleisch (súrhvalur), Trockenfisch (harðfiskur), geräuchertes Lammfleisch (hangikjöt) Salzfleisch (saltkjöt) und Blutwurstvariationen (lifrapylsa, bloðmör) gereicht. Als Beilagen gibt es Stampfkartoffeln und süsses Rübenmus, sowie rugbrauð, ein süsses Schwarzbrot.

Die Lämmerpenissse waren bislang übrigens in grosser Zahl nach Asien geschickt worden. Bis findige Geister sich in jüngster Vergangenheit überlegten, dass man sie auch selber grillen kann.

Bei Ausländern kräuseln sich bei vor allem zwei Gerichten die Nackenhaare: svið, das ist ein halber Schafskopf, gekocht oder geräuchert, und der berühmte hákarl, der verrottete Hai. Beides schmeckt jedoch gar nicht so übel, das Backenfleisch des svið ist sehr zart, und wer extrem kräftigen Bergkäse liebt, wird die zierlich geschnittenen hákarl-Bissen nicht verachten. Und in diesem Jahr soll erstmals auch eine Gemüsepastete in Aspik das Buffet bereichern. Denn Vegetarier kamen bislang beim Þorrablót schwer in Verlegenheit.

Auf dem Land werden Þorrablóts oft von Vereinen oder Dorfgemeinschaften veranstaltet. Jedes Jahr plant eine andere Gruppe von Mitbürgern die Feier, man trifft sich wochenlang vorher konspirativ, und äusserste Geheimhaltung ist Ehrensache.
Die Feste selbst haben einen eher zeremoniellen Charakter mit langen Tafeln, manchmal sogar Sitzordnung, vielen Reden und Trinksprüchen und einem satirischen Theaterstück, wo die Ereignisse des vergangenen Jahres karikiert werden. Nach jeder Nummer wird ein Schnaps (brennivin) gehoben, der eigens eingeschenkt wird. Danach wird in der Regel aufgetragen oder das Buffet eröffnet, zum Abschluss der Zeremonie spielt die Band dann zum Tanz auf.
Þorramatur im Kreise von Familie und Freunden wird ebenfalls populär, und natürlich bieten viele Restaurants entsprechende Arrangements an.