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Margrét Einarsdóttir, die Präsidentin des isländischen Bogenschiesskomitees. Foto: Dagmar Trodler

Margrét Einarsdóttir, die Präsidentin des isländischen Bogenschiesskomitees. Foto: Dagmar Trodler

 

Wohl kaum ein Gegenstand weckt so viele Träume und Erinnerungen in uns wie ein Pfeil mit Bogen. Spiele aus der Kindheit, gebogene Zweige und Pfeile, die nicht fliegen wollten, Robin Hood, Hunger Games … die Idee jedoch, es selbst mal auszuprobieren, liegt so fern wie das Mittelalter selbst.
In Island ist das nicht so. Die erste Amazone der Insel erklärt, warum es anders ist.

Zwei junge Männer hocken nach dem Bowling zusammen. „Was richtig lustiges müsste man machen.“ sagt der eine.
„Bogenschiessen,“ sagt der andere. Und wie Isländer so sind, krempeln sie die Ärmel hoch, gehen einen steinigen Weg für ihre neue Idee. Der isländische Behindertensportverband war bis vor wenigen Jahren der einzige Verein, wo man nach langer Wartezeit einen Platz zugewiesen und einen Bogen zum Üben bekam.

Guðjón Einarsson hatte die Geduld zu warten. Als er endlich sein Zertifikat als Bogenschütze erhielt, gab es kein Halten mehr.
„Guðjóns Freund Gummi hat seine Reifenwerkstatt umgeräumt und sich eine Schiessbahn eingerichtet,“ erzählt Guðjóns Schwester Margrét Einarsdóttir. Damit hat er die Familie angesteckt. „Das war hart, von seinem jüngeren Bruder gezeigt zu bekommen, wie man einen Pfeil abschiesst.“ Aber sie hat Biss, will sich’s beweisen und fängt sich den Virus ein.

Guðmundur und sein Kegelbruder Guðjón wollten mehr. Jeder sollte die Möglichkeit haben, mit Pfeil und Bogen auf eine Zielscheibe zu schiessen, finden sie. Und schaffen es tatsächlich, alle Hürden zu überwinden, um die staatlichen Genehmigungen zu bekommen, eine Bogensporthalle zu eröffnen. Diese Halle hat die Familie in Abend – und Nachtarbeit renoviert und umgebaut. „In der Zeit, Sommer und Herbst 2012, gab es nichts anderes. Ich war damals Kindergärtnerin. Nach der Arbeit ging’s in die Halle, Fußboden verlegen, Wände, Inneneinrichtung, Fliesen legen … irgendwann hat man auch mal geschlafen, ja,“ sagt Margrét. Die Halle hat die Familie regelrecht zusammengeschweisst.

Am 9. November 2012 war Eröffnung. Die ersten Recurve Bögen kauften die rührigen Geschwister von einem Vertrieb, der seine Tore schloß. Inzwischen beziehen sie ihre reiche Auswahl an Bögen, Pfeilen und Ausrüstung für Halle und Webshop von namhaften Herstellern aus dem Ausland.

Margrét ist Geschäftsführerin des „Bogfimisetrið“ und übt ihren Job mit einer derart positiven Energie aus, daß ein Besuch im „Setrið“ wie ein Wellnessbad wirkt. Die gesamte Organisation des Betriebs liegt in ihren Händen, von der Buchung über Kursplanung bis hin zu Bestellungen. Für jeden hat sie ein offenes Ohr, für jeden neuen Kunden hat sie Zeit, für die Schüler ihrer Grundkurse alle Geduld eines guten Profis.
„Das ist explodiert in den letzten zwei Jahren,“ lächelt sie ein bisschen stolz. „Am Anfang waren wir nur zehn Mitglieder im ganzen Land.“

Heute zählt der isländische Bogenschießverein 500 eingetragene Mitglieder mit alleine 390 Mitglieder im dem Bogfimisetrið nahen Verein, es gibt Vereine und Stützpunkte im ganzen Land und der Verein der behinderten Bogenschützen kommt noch hinzu.
Doch weitaus mehr Menschen haben den Grundkurs absolviert. Einen eigenen Bogen darf man in Island nur erwerben wenn man den Grundkurs absolviert hat und Vereinsmitglied ist, weil der Bogen als Waffe gilt und bei der Polizei registriert wird.
Muss man aber gar nicht, denn die Übungsstunde im Bogfimisetrid ist so kalkuliert, daß sich wirklich jeder leisten kann, das Bogenschiessen in seiner Freitzeit zu betreiben, ohne Geld in ein Sportgerät zu stecken. „Du musst ja nicht lange üben, du siehst sofort, was du kannst, wo dein Pfeil steckt. Das motiviert die Leute ungemein zum Wiederkommen,“ hat Margrét beobachtet.

In den zwei Jahren seit der Reifenwerkstatt hat sich viel getan.
„Wir bauen gerade ein Nationalteam für die kommenden Olympischen Spiele auf,“ erzählt die versierte und sprachgewandte Bogenschützin. Am vergangenen Wochenende hat sie mal eben die Reykjavík International Games mit 37 Schützen aus aller Herren Länder organisiert. Der vor kurzem absolvierte Trainerkurs ermöglicht die Schaffung eines Verbandes, mit Annehmlichkeiten von eigener Zielscheibe bis hin zu Preisgeldern. „Bislang müssen wir uns ja immer alles zusammen leihen,“ grinst sie schelmisch. „Jetzt werden ganz andere Dinge möglich.“ Das mit Sicherheit, denn das nationale Bogensportkommitee, dessen Präsidentin Margrét ist, wird sich im April in einen Verband umbilden und durch die Registrierung unabhängiger werden.

Doch neben dem großen Sport sind da immer noch die Menschen, die Margrét ganz offensichtlich am Herzen liegen. Jeden Tag kommen neue Leute ins Bogfimisetrið, melden sich zur Probestunde an, viele verlassen die Halle mit glänzenden Augen – und kommen wieder. Drei Vollzeitkräfte und mehrere Hilfskräfte beschäftigt das Bogfimisetrið. An manchen Tagen betreuen sie bis zu 300 Leute, von Einzelpersonen bis zu Betriebsausflügen ist alles dabei. „Da kommen auch immer mehr Touristen zu uns“, sagt sie, „im Ausland kannst du ja nicht so einfach schiessen, hier kommst du zu mir, leihst dir nen Bogen, ich erklär dir, wie’s geht und los geht’s.“

 

Die Zieltafel nach einem  Tag voller Pfeile. Foto: Dagmar Trodler

Die Zieltafel nach einem Tag voller Pfeile. Foto: Dagmar Trodler

 

Bislang ist das Bogenschiessen eher Männerdomäne. Margrét will das ändern. „Vor 1000 Jahren mussten die Frauen hier in Island ihren Mann stehen, und die konnten alle mit dem Bogen umgehen, wenn der Alte auf Raubzug war,“ sagt sie. „Das Wissen und das Selbstbewusstsein ist uns Frauen verloren gegangen.“ Sie möchte viel mehr Frauen mit einem Bogen umgehen sehen.

Bogenschiessen erdet ungemein. Es lässt unscheinbare Mäuse über sich hinauswachsen, wenn sie den Bogen spannen, ins Gelbe treffen, wenn sie ihre Pfeile einsammeln für eine neue Runde. „Wir können das. Zielen, schiessen, treffen. Das tut uns Frauen gut.“ Die 41-jährige Mutter dreier Kinder weiß, wovon sie spricht. Sie hat ein turbulentes Leben hinter sich, war Mobbingopfer, erlebte Scheidungen, litt an schweren Depressionen. Doch hat sie ihr Ziel niemals aus den Augen verloren: auf eigenen Füßen stehen, und am Ende treffen.

Auch Kinder unterrichtet die frühere Kindergärtnerin inzwischen. Über die Woche verteilt kommen 31 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren ins Setrið, um Zielen, Schiessen und ganz nebenher auch Disziplin und Teamgeist zu lernen. Eine Kindergruppe für die ganz Kleinen ist geplant. „Wenn ich nur mehr Zeit hätte,“ seufzt sie. Erst gerade musste sie aus Zeitmangel das ehrenvolle Angebot ablehnen, die isländische Olympiamannschaft zu managen.
Die kommenden Wochen werden mit Arbeit angefüllt sein, weil das Bogfimisetrið Anfang März in eine größere Halle am Reykjavíker Hafen umzieht. Außerdem sind da ja auch noch die Pferde, die die passionierte Reiterin selbst versorgt. Und das nächste Großprojekt steht auch schon vor der Tür: der Kurs im berittenen Bogenschiessen im April, den sie zusammen mit der deutschen Bogenschützin Claudia Schenk und Ausbilderin Pettra Engeländer organisiert. Eine actionreiche Sportvariante, die die Isländer lieben werden, glaubt sie.

Für das Foto wählt Margrét übrigens einen 35 Pfund Langbogen. Drunter tut die Powerfrau es nicht.

Hier finden Sie die Seite des Bogfimisetrið.

Hier finden Sie die Facebook-Seite für das berittene Bogenschiessen in Island.