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„Ich kann riechen, wie gut dein Kaffee ist.“
Eine flinke reibende Bewegung ihrer Finger untermalt, was gemeint ist: Kaffee hat Duft, hat Charakter, ist weich oder hart und beileibe nicht jeden Tag gleich.
Es gibt kaum etwas, das Elda Þórisson-Faurelien nicht über Kaffee weiss. Sie ist mit den kostbaren Bohnen aufgewachsen, auf der Plantage ihres Vaters in Haiti, wo der Kaffee das Leben der Familie bestimmte, und sie hat von Kindesbeinen an gelernt, Kaffeebohnen auf Qualität zu „lesen“, so ganz nebenbei. „Ich habe meiner Mutter Kaffee zubereitet, seit ich denken kann,“ lächelt sie versonnen, „Und meinem Vater die Pfeife gestopft. Und am liebsten hab ich für alle gekocht.“
Ein wenig ist das immer noch so.

Heute lebt die 42-Jährige in Reykjavík und betreibt am alten Hafen das Cafe Haiti, wo es täglich frisch gebrannten Kaffee aus Haiti und Guatemala gibt, selbstgebackene Kuchen und Eintopfgerichte nach Art der Kreolen. In ihrer gerade mal 3 Quadratmeter grossen, saubergescheuerten Küche hängen alte Töpfe und Pfannen von der Decke, Gewürzdosen, Kochlöffel, ein Waffeleisen. Mehr braucht sie nicht. „Ich koche alles frisch. Da brauchst du doch nur Salz, Zwiebel und Zitrone für den Fisch.“

Elda ist eine echte Unternehmerin. „Ich hab noch nie gut rumsitzen können“ gesteht sie. Mit 15 verliess sie die Schule und tauchte ein ins Arbeitsleben. Sie lernte kochen, nähen, ging zur Universität, war Leiterin einer selbstgegründeten Grundschule im Armenviertel von Port-au-Prince. Hier traf sie auch den Mann, der ihr Leben verändern sollte – Methúsalem (Dúi) Þórisson arbeitete in Haiti für die Humanistische Bewegung. Sie heirateten und entschieden im Jahr 2007, zugunsten von Eldas Sohn aus erster Ehe, in Dúis Heimat Island zurückzugehen.

„Ich bin mit 2 Kilo gebranntem Kaffee und 20 Kilo rohen Bohnen nach Island gekommen,“ erinnert sie sich. Mit den Bohnen fing alles an. Sie stellte sich auf Handwerks- und Bauernmärkte, bot den Leuten eine Tasse frischgebrühten haitianischen Kaffee zum Probieren an, und in einer Behelfsmaschine geröstete Kaffeebohnen zum Kauf. Sie fand ein kleines Ladenlokal im Stadtteil Mjódd – ihr erster eigener Kaffeeladen in einem Land, das guten Kaffee erst noch kennenlernen wollte.

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Im Jahr 2011 entschieden Elda und Dúi, ihr Kaffihús an den alten Hafen von Reykjavík zu verlegen. Sie bezogen ein grösseres Lokal mit mehr Sitzgelegenheiten, an einem Ort, der sich inzwischen, möglicherweise sogar durch das Café, zu einem kulturellen Subzentrum gemausert hat.

Café Haiti ist heute in Reykjavík bekannt für Gemäldeausstellungen und Live-Konzerte. Die Bühne des Cafés ist klein, die Atmosphäre umso einladender, und Musiker wie der Jazz-Bassist Tómas Einarsson, die Bluesrocker von Síðasti Sjens, die Folkband Skuggamyndir frá Bysan oder die isländische Sängerin Ragnheiður Gröndal wissen das sehr zu schätzen.

Seit Dúi im vergangenen Jahr überraschend verstarb, managt Elda ihr Café alleine. Röstet Kaffee, kocht delikate Suppen und versendet ihre Bohnen landesweit per Post. Eine harte Zeit liegt hinter ihr, doch sie hat den schweren Verlust verarbeiten können und kann wieder positiv in die Zukunft schauen. Probleme wegen ihrer Hautfarbe oder Herkunft hatte sie in Island noch nie. Gegen schlechtes Wetter hilft vor allem drinnen bleiben. Und der brummende Vulkan irgendwo im östlichen Hochland macht ihr keine Angst.
„Ich fühle mich sehr wohl in Island“, sagt sie. „Der beste Ort, wenn du mich fragst. In Haiti kannst du doch nicht mal auf die Strasse gehen, ohne um dein Leben zu fürchten. Hier ist alles sicher, und die Leute waren von Anfang an freundlich zu mir.“
Reykjavíks Pflaster scheint wie gemacht für mutige und zupackende Frauen. Elda Þórisson-Faurelien ist mit ihren Kaffeebohnen am richtigen Platz gelandet.