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Islands Papageitaucher in der Krise

Das Naturkundeinstitut Náttúrustofa Suðurlands erforscht Islands Papageitaucher und findet traurige Fakten

Vogelfreunde sind stets voller Vorfreude, wenn sie Island besuchen, denn hier gibt es mehr als 300 verschiedene Vogelarten über die ganze Insel verteilt zu sehen. In Island legen die Zugvögel auf ihrem Flug zwischen Nordamerika und Europa eine Pause ein. Beliebte Vogelarten sind Gerfalken, Eistaucher Kragenenten und Spatelenten.

Die Vogelart, die jedoch zu einer Art Synonym für Island geworden ist, das ist der Papageitaucher mit seinem schwarzweissen Körpergefieder, den orangen Füssen und dem farbenfrohen Schnabel. Papageitaucher sind erstaunlich gute Schwimmer und Taucher, sie können länger als zwei Minuten unter Wasser bleiben, bevor sie dann mit einem Schnabel voll Fisch wieder auftauchen. Doch sind die gewandten Schwimmer ebenso bekannt für ihre ungeschickten Landungen an Land, was aber einen Teil ihres Charmes ausmacht. Im Sommer kann man die Papageitaucher an viele Orten beobachten, darunter auf den Westmännerinseln, Grímsey, den Klipppen von Látrabjarg in den Westfjorden, Hafnarhólmi im Borgarfjörður Eystri, und auf Papey.

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Dr. Erpur Snær Hansen

In den Sommermonaten des Jahres 2002 lebten noch 7,7 Millionen Papageitaucher in Island. Ihre Zahl hat in den vergangenen 13 Jahren einen dramatischen Rückgang erfahren.  Heute sind nur noch 3,2 Millionen Exemplare übrig, schätzt Erpur Snær Hansen, der Direktor des ökologischen Forschungsinstitutes der Náttúrustofa Suðurlands (South Iceland Nature Research Centre).

Das Naturkundeinstitut war im Jahr 1996 gegründet worden, hier arbeitet ein Forscherteam an Studien zu Umweltproblemen und Themen aus dem Tierreich. Erpur hat die Population der Papageitaucher auf den Westmännerinseln seit dem Jahr 2007 beobachtet und kann mit einigen alarmierenden Fakten aufwarten.

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Wenn sich die Oberflächentemperatur des Meeres im Winter nicht verändert oder gar weiter steigt, so Erpur, dann wird der grösste Teil der Papageitaucher in Süd- und Westisland in den kommenden 10 bis 20 Jahren verschwinden. “Wir fahren zweimal pro Sommer durch ganz Island und zählen die Küken,” erklärt er. “Wir schauen uns auch ihr Futter und die Umwelt an.”

Die isländischen Papageitaucher haben vor allem mit dem Futtermangel zu kämpfen. “Sie fressen hauptsächlich zwei Fischarten in isländischen Gewässern – die Lodde und den Sandaal,” sagt Erpur. “Der Sandaalbestand ist zwischen 2003 und 2005 zusammengebrochen und hat sich davon noch nicht wieder erholt, und wir glauben, dass das ein echtes Problem ist.” Die Hauptthese, die das Institut verfolgt, macht die steigenden Meerestemperaturen im Winter dafür verantwortlich, dass immer weniger junge Sandaale überleben, da sie ihre Winterenergiereserven aufbrauchen, bevor sich das Futter im Frühling einstellt. Die Frühlingsblüte setzte im gleichen Zeitraum ebenfalls verspätet ein. Der Mangel an fettem Fisch hat in einigen Papageitaucherkolonien für Hungersnot gesorgt.

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Die Auswirkungen liegen auf der Hand. Elterntiere müssen für die Futtersuche immer weiter fliegen und kommen mit immer weniger Beute zu ihren Jungen zurück. Forscher sehen die Küken hungern, Nester sind verlassen und immer weniger erwachsene Vögel brüten.

“Das ist schon vorher vorgekommen,” sagt Erpur. Die Bestandsdynamik hängt mit einem periodischen Erwärmungszyklus namens Atlantic Multidecadal Oscillation (AMO) zusammen. Und in der Tat haben sich die Gewässer rund um Island 35 Jahre lang erwärmt, bevor sie dann über 35 Jahre abkühlten. Der Papageitaucherbestand ging zurück und erholte sich wieder. Doch diesmal scheint es anders zu sein.

Die Meerestemperaturen sind nun um zwei Grad seit der letzten Kälteperiode angestiegen, ähnlich wie in der letzten Warmzeit zwischen 1920 und 1964. Die Frühjahrsblüte ist spät, doch gibt es keine Daten darüber, wann sie in der letzten Warmzeit eingesetzt hatte. Die Papageitaucherküken bekommen die Auswirkung zu spüren. Selbst wenn die derzeitige Warmzeit voraussichtlich im Jahr 2030 endet, wird es möglicherweise nicht kalt genug sein, jenachdem wie sich die globale Erwärmung entwickelt. “Die Erwärmung ist in Island definitiv zu spüren.” sagt Erpur. “Alles passiert schneller, und die Vögel leiden darunter.”

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Die Regierung sollte Massnahmen ergreifen, findet er. “Die Jagd auf Papageitaucher ist nicht nachhaltig. Wir müssen unser ganzes System überdenken und es auf wissenschaftliche Erkenntnisse bauen, und darauf, nachhaltig zu agieren, ähnlich wie in der Fischereiindustrie. Da muss etwas getan werden.”

Die Krise der Papageitaucher reicht bis in den Tourismus, und das ist etwas, was die Regierung berücksichtigen muss, meint Erpur.  “Viele Menschen kommen aus allen Teilen der Welt, um den isländischen Papageitaucher während der Sommermonate zu sehen. Papageitaucher und Wale sind ein grosser Teil des Geschäftes. Papageitaucher sind lebendig mehr wert für die Tourismusindustrie als tot.”

Das gilt auch für Restaurants in Island.  “Papageitaucher auf der Speisekarte von Restaurants zu finden, ist peinlich und traurig.” sagt Erpur. “Diese Vögel sind wichtig, und wir verlieren sie. Im Denken muss sich was ändern, um die Papageitaucher zu retten.” Eine einfache und verantwortungsvolle Lösung seitens der Regierung könnte  schon ein Verbot des Handels mit Wildbret sein.